Danebengelebt

Die Geschichte von Eli, der viel erreicht hat, aber letztlich an seinem Charakter gescheitert ist

Ich trinke gerne Wein und probiere genauso gern mal etwas Neues. Da ich allerdings nicht viel von Wein verstehe, lasse ich mich gern beim Weinhändler beraten. Das letzte Mal hat er mir einen portugiesischen „Periquita“ empfohlen. Ich habe ihn probiert – und er hat genau meinen Geschmack getroffen. Zwei Flaschen nehme ich mit. „Das ist ein interessanter Wein, er hat Charakter“, erzählt der Fachmann, während ich bezahle. Ich muss wohl sehr fragend geguckt haben, jedenfalls erklärt er, was er meint. „Ein guter Wein hat Charakter, hat Persönlichkeit. Geruch und Geschmack sind vielschichtig. Er erzählt vom Klima und vom Boden. Von den Menschen, die ihn als Traube gepflegt und zu Wein gekeltert haben. Solch ein Wein lebt, er verändert sich und reift. Und er ist unverwechselbar.“ Ich bedanke mich und habe beim Gehen fast den Eindruck, dass ich jetzt „Sie“ sagen muss zu meinem Wein, so ist er in meiner Achtung gestiegen. Die Begeisterung des Weinhändlers ist einfach ansteckend.

Charakter spielt beim Wein also eine wichtige Rolle. Aber welche Rolle spielt er bei uns Menschen? Ist Charakter verzichtbar oder notwendig? Grund- oder Sonderausstattung? Oder gar Störfaktor auf dem Weg zum Erfolg? Nun wird niemand behaupten, dass er an sich unwichtig ist, aber wie viel Zeit und Kraft investiere ich in meinen Charakter? Und wie viel in das Bearbeiten meiner Emails, in das Kaufen meiner Kleidung und die tausend anderen Alltagsfragen? Was bedeutet Charakter für Hausfrauen, Studenten, Führungskräfte oder auch für Berufschristen wie Pastoren und Missionare?

Bis vor einiger Zeit hatte ich ein eher passives Verhältnis zu meiner Persönlichkeit. Getreu dem Motto „Krisen formen den Charakter“ dachte ich, dass Charakterentwicklung zu ihrer Zeit einfach passieren wird. Aber ich glaube der Redewendung nicht mehr. Ist es nicht eher so, dass in Krisensituationen nur deutlich wird, was schon vorher in mir drinsteckt? In der Bibel begegnen wir einem Menschen, der uns das bis zum bitteren Ende vorführt. Einem Mann, der begabt und privilegiert war; der vieles für Gott in Bewegung setzen konnte; ein Mann Gottes, der aber letztlich an Charakterfragen scheiterte. Ich spreche von Eli, dem Priester und Richter, dem Mentor von Samuel. Seine Geschichte steht im 1. Samuel, Kapitel 1-4. Und es ist kein fiktives schlechtes Beispiel, es ist der wirkliche tragische Bericht über einen Menschen, der sein Leben danebengelebt hat.

Vieles bekommt man geschenkt, aber Charakter muss man sich erarbeiten

Die Werbung macht es uns vor: Willst du etwas verkaufen, dann verschenk etwas. „Buy one, get one free“ ist das Schlagwort. Nichts wird so gern gelesen, wie die Abschnitte, die mit „Gratis“ anfangen. Vieles in unserem Leben erhalten wir auch tatsächlich umsonst – oder sagen wir einmal: wir haben keinen Einfluss darauf. Wir suchen uns unsere Eltern nicht aus und nicht unseren Geburtsort. Wir haben kaum Einfluss auf unsere Begabungen und unsere Haarfarbe, jedenfalls auf die originale. Aber die Entwicklung unserer Persönlichkeit ist unsere Sache. Und sie macht Arbeit.

Elis Voraussetzungen, also das, was er quasi kostenlos mitbekommt, sind denkbar gut. Hineingeboren in die Familie der Priester ist sein beruflicher Weg schon von Kind an vorgezeichnet. Gott bestimmt ihn zum Hohenpriester und Richter seines Volkes. Gewaltentrennung gibt es nicht. Eli vereint alles in sich: er gibt Gesetze, setzt sie durch und führt sie aus – und nebenbei ist er auch noch Israels religiöses Oberhaupt. Eine absolute Top-Position. Ohne viel dazuzutun, wird er so zum einflussreichsten Israeliten seiner Zeit. Bestimmt hat er eine Erziehung und dann eine Ausbildung bekommen, die ihm helfen sollte, seine Aufgaben zu erfüllen: Menschenführung, priesterliche Arbeit, Einhalten von Opfervorschriften, politische Entscheidungsfindung usw. Nur eines hat er leider nicht gelernt: sich selbst zu führen.

Eine erste Andeutung, dass bei Eli irgendetwas nicht ganz koscher ist, bekommen wir in Kapitel 1,13-14: „Hanna betete leise. Eli dagegen hielt sie für betrunken und fuhr sie an: Wie lange willst du eigentlich noch betrunken hier herumlungern? Geh, und schlaf erst einmal deinen Rausch aus!“ Für sich allein genommen ist dieses Fehlurteil nur menschlich. Das kann jedem passieren. In der Folge sehen wir jedoch, dass Elis „geistliche Kurzsichtigkeit“ zunimmt und er immer weniger erkennt, was um ihn herum vorgeht, so lange bis er am Ende auch im wörtlichen Sinn fast blind ist (4,15).

Der hauptamtliche Beter für sein Volk schlechthin erkennt Gebet nicht, hat keine Antennen für Gottes Reden. Ich will Eli als Beispiel nicht überstrapazieren, aber er erscheint mir symptomatisch für etwas, was viele Verantwortungsträger erleben: sie sind kompetent bis in die Fußnägel, engagiert bei der Arbeit, aber vor lauter Aktionen, Erfolg und Karriere bleibt in ihrem Inneren etwas auf der Strecke. Sie hören Gott nicht mehr. Und sie haben definitiv keine Zeit, an sich selbst zu arbeiten, weil alles andere dringender und wichtiger erscheint. Ein fataler Irrtum.

Charakter ist mehr als Reden über das richtige Thema

Wenn ich an meine Schulzeit und Ausbildung denke, dann merke ich, dass sie bei mir so eine Art „Wer-wird-Millionär“-Mentalität gefördert hat. Entscheidend ist, dass ich weiß, was richtig ist: „Was ist elementarer Bestandteil unserer Persönlichkeit? A. Schirm, B. Charme, C. Melone, D. Charakter. Sie meinen D? Das ist richtig. Kommen wir zur nächsten Frage…“

Es ist leicht, die richtige Antwort zu wissen, aber lebe ich sie auch? Denn ich möchte nicht richtig oder fromm oder kompetent reden, ich will es sein! Weil ich ein Mensch bin, werden sich da immer wieder Brüche und Widersprüche auftun, doch die will ich nicht stillschweigend hinnehmen oder verschleiern, die möchte ich angehen.

Eli lebt nicht nur im Dunkeln. Für eine ganze Weile wird er Erzieher und Mentor für Samuel, den späteren Propheten und Konstrukteur der Monarchie Israels. Er kann Samuel viel beibringen, und erstaunlicherweise lebt Samuel sein Leben wirklich mit Gott. Leider ist das zu dieser Zeit etwas Besonderes, denn Elis eigene Söhne tun es nicht. Sie arbeiten unter ihrem Vater und nutzen den Publikumsverkehr an der Stiftshütte zur materiellen Bereicherung und sexuellen Befriedigung: sie stehlen Opfer und haben Affären mit Mitarbeiterinnen. Eli weiß darum, tut aber nichts.

Eines Nachts spricht Gott Samuel an. Der meint erst, dass er von Eli gerufen wird und kommt zu ihm. Beim dritten Mal „erkannte Eli, dass der Herr mit Samuel reden wollte. Darum wies er ihn an: Geh, und leg dich wieder hin! Und wenn dich noch einmal jemand ruft, dann antworte: Sprich, Herr, ich höre.“ (3,8-9) Das geschieht und Gott redet mit Samuel. Er lässt ihn einen Blick in die Zukunft tun und erklärt, dass er Eli für sein Verhalten zur Rechenschaft ziehen will. Elis Reaktion darauf passt: „Es ist der Wille des Herrn, er soll tun, was er für richtig hält.“ (3,18) Man hört direkt sein resigniertes Achselzucken, sein „ich weiß es ja eigentlich, aber ich will diese Baustelle in meinem Leben nicht angehen." Eli, ein Theoretiker des Glaubens, weiß um die Themen die dran sind, er findet die richtigen Worte dafür, aber er geht sie nicht an.

Charakter erzeugt Vertrauen

Ein klassisches Instrument vieler Demokratien ist die „Vertrauensfrage“. Eine Regierung kann so feststellen, ob sie für ihren Kurs noch genug Rückhalt im Parlament hat. Gerade beim Führen von Menschen kommt es auf dieses Vertrauen an – und eben nicht in erster Linie auf Durchsetzungsvermögen und Handlungskompetenz. Das zeigt sich aber erst im Miteinander, in der Führungspraxis.

„Wenn du meinst, dass du andere führst, aber es folgt dir niemand, dann gehst du nur spazieren…“ Dieser Satz spitzt es zu: Echte Führungsqualitäten entwickeln und zeigen sich erst im Miteinander.

Warum haben nun manche Menschen das Vertrauen anderer und manche nicht? Ich behaupte, dass es eine Frage des Charakters ist. Manch eine höher gestellte Person erfüllt alle möglichen Voraussetzungen: sie besitzt jede Form von Bildung (Ausbildung, Einbildung…), aber die Persönlichkeit steht in einem irritierenden Kontrast zur beruflichen oder gesellschaftlichen Stellung. Da ist zum Beispiel der Politiker, dessen dritte Ehe zerbricht und der gleichzeitig jammert, dass er gar nicht verstehen kann, dass man ihm das Vertrauen entzieht, das habe doch nichts mit seiner Kompetenz zu tun. Er hat recht. Ehebruch ist kein Zeichen für fachliche Inkompetenz – trotzdem schwinden Vertrauen und Nachfolge. Dieses Prinzip beginnt im Elternhaus, geht weiter bei Politikern und macht selbstverständlich auch vor dem Arbeitsplatz nicht Halt. Selbst wenn es sich um einen frommen Arbeitsplatz handelt wie bei Eli.

Über seiner ganzen Arbeit steht ein katastrophales Statement: „Zu jener Zeit geschah es sehr selten, dass der Herr den Menschen etwas mitteilte.“ (3,1) Gott redet nicht mehr. Und der Kontext macht deutlich, dass er sich nicht auf eine Schweigefreizeit im Kloster zurückgezogen hat. Er will reden, nur wer will zuhören? Das Volk hat sein Vertrauen in Elis unfähige Führung verloren. Gott ist auf der Suche nach integren Personen, die ihm vertrauen und denen er sich anvertrauen kann. Und er entscheidet sich nicht für den großen alten Mann der israelischen Politik, der jede persönliche Frage aussitzt anstatt sie anzugehen. Erst recht nicht für seine Söhne, die nur ihre Macht missbrauchen. Er entscheidet sich für Samuel, für einen Teenager, der selbst in dieser Umgebung erkennbar Charakter beweist. „Je älter Samuel wurde, desto mehr Ansehen fand er beim Herrn und bei den Menschen.“ (2,26)

Niemand kann über die Grenzen seines Charakters hinauswachsen

Meine Frau hat als Teenager ihren ersten Personalausweis beantragt. Bei „Größe“ hat sie angegeben: 1,60 m. So groß war sie zwar noch nicht, aber sie rechnete stark damit. Sie hat sich verrechnet: mehr als 1,58 m sind es nie geworden. Auch wenn man es von außen nicht sieht, ist unsere Körpergröße bereits genetisch festgelegt. Ein Wachstum über dieses Limit hinaus ist nicht möglich.

Einige Menschen versuchen nun mit Plateauschuhen, Einlagen oder Spezialschuhen wenigstens größer zu wirken, wenn sie schon nicht größer werden können. Manche probieren, ihre Defizite im Charakterbereich zu kompensieren, indem sie auf anderen Gebieten zu „innerer Größe“ kommen wollen. Doch auch hier gibt es ein Limit. Ich kann nicht über die Grenzen meines Charakters hinauswachsen. Das muss auch Eli feststellen. Seine einmalige Ausgangsposition habe ich schon beschrieben, doch sein Charakter kommt nicht an seine Stellung heran. Und da er nicht bereit ist, in seiner Persönlichkeit zu wachsen, an ihr zu arbeiten, muss Gott ihn letztlich auf die Seite stellen. „Darum sage ich, der Herr, der Gott Israels: Ich habe dir versprochen, dass die Priester für alle Zeiten aus deiner Sippe kommen. Doch heute muss ich dieses Versprechen zurücknehmen. Denn ich ehre nur die, die auch mich verehren. Wer mir aber verächtlich den Rücken kehrt, der wird selbst auch verachtet.“ (2,31)

Steven Berglas (Unternehmensberater und Psychiater an der Harvard Medical School) scheint Eli und Menschen wie ihn zu kennen, wenn er behauptet: „Menschen, die hohe Ziele anstreben, jedoch im tiefsten Inneren Schwächen aufweisen und sich nur durch Druck aufrechterhalten, scheitern eines Tages.“ Er hält fest, dass ihr Ende meist geprägt ist von Arroganz, Alleingelassenwerden, dem Ignorieren von Risiken für andere Menschen(über Leichen gehen) und oft auch Ehebruch. Es geht jetzt nicht darum, diese Faktoren im Einzelnen zu belegen, doch das Ende ist deutlich: Eli und seine Söhne sterben, die Bundeslade geht verloren, und Elis Schwiegertochter kommentiert dies mit dem Namen, den sie ihrem Sohn gibt: „Ikabod, denn Gottes Glanz und Herrlichkeit sind aus Israel verschwunden!“ (4,22) Schwache Persönlichkeiten, die stark sein wollen, zahlen einen hohen Preis dafür!

Alternatives Ende

Manche Filme haben, wenn sie als DVD erhältlich sind, ein alternatives Ende. Der Regisseur hat sich in diesem Fall bis zum Schluss der Dreharbeiten vorbehalten, dass der Film auch anders ausgehen könnte. Das haben Sie für Ihr Leben auch in der Hand. Sie können Ihr Leben unter die Lupe nehmen, nicht nur die Arbeit, auch das Privatleben und einmal notieren, wo es aus dem Ruder läuft. Erkennen Sie darin Verhaltensmuster wie Elis Konfliktscheu oder Inkonsequenz? Beschönigen Sie nichts und kompensieren Sie nicht. Schuld bleibt Schuld und lässt sich nicht auf der anderen Seite durch Leistung wettmachen. Aber resignieren Sie nicht, denn es gibt ein alternatives Ende. Selbst in Charakterfragen ist Umkehr und Änderung möglich. Zusammen mit dem Gott, der sagt: „Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist geben.“ (Hes 36,26)

Hauke Burgarth leitet die Öffentlichkeitsarbeit bei Campus für Christus

(c) Campus für Christus, aus "Impulse für missionarisches Christsein" 4/08

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