Persönlichkeiten statt Tyrannen

Verstehen statt sich aufregen!

Gibt es heute mehr „problematische Azubis“ als früher? Ausbilder und Berufschullehrer sind zunehmend gefordert und auch überfordert angesichts einer neuen Generation von Jugendlichen, die anders daher kommt und andere Anforderungen stellt als noch vor Jahren.

Mangelnde Ausbildungsreife ist das zentrale Stichwort, mit dem sich der Kinder- und Jugendpsychiater Winterhoff auseinandersetzt. Seine Grundthese: Wenn jugendliche Berufseinsteiger ihre Ausbilder auf die Palme bringen, dann geschieht das nicht als absichtsvolle, bewusst gesteuerte Handlung. Die Ursache für das „schwierige Verhalten“ sieht Winterhof in psychischen Reifedefiziten der Jugendlichen. Diese zu verstehen und durch Beziehungsarbeit zu verändern, das beschreibt Winterhoff als Aufgabe und Herausforderung der Ausbilder.

Was ist berufliche Reife?
- ich verstehe, dass ich für mich selbst arbeite und lerne, nicht für andere
- ich kann Fremdbestimmung akzeptieren
- ich kann Frustration bis zu einem gewissen Grad aushalten
- mein Verantwortungsgefühl und Gewissen zeigt mir an, was richtig und was falsch ist
„Jugendliche Berufseinsteiger mit fehlender psychischer Reife neigen dazu, die Schuld für ihr Fehlverhalten grundsätzlich bei anderen zu suchen.“ (S. 110)

Winterhoff beschreibt drei Beziehungsstörungen:
1. (Falsch verstandene) Partnerschaftlichkeit : Die Eltern treten nicht als starkes und steuerndes Gegenüber auf. Das Kind bleibt in der Phase der Allmachtsphantasien stecken. (Alter 4-5 Jahre) Resultat ist eine stark Ich-bezogene Haltung: ich bin die Sonne – ihr seit die Planeten. Geringe Frustrationstoleranz ist eine Folge. „Vorgaben durch Eltern, Lehrer oder Erzieherinnen werden als unzulässige Einschränkung der persönlichen Freiheit des Kindes empfunden“ (S. 72)
2. Projektion: Im Alter von etwa 2 ½ Jahren erlebt das Kind, dass es die Außenwelt bestimmen kann. Trifft es auf Erwachsene, die den Wunsch geliebt zu werden auf das Kind übertragen und Selbstbestätigung über das Kind erfahren wollen, dann kann es zu einer „Machtumkehr“ kommen: Das Kind steuert, lässt sich aber selbst nicht steuern.
Das gilt auch für Ausbilder: möchte ich geliebt werden oder kann ich Anforderungen klar aufstellen und durchsetzen. „Das Kind erhält keine Struktur, keinen Halt mehr, sondern bekommt vielmehr vermittelt, dass es mit seinem Willen fast immer durchkommt und das menschliche Gegenüber permanent steuerbar ist“ (S. 74)
3. Symbiose: Der Erwachsene denkt und handelt für das Kind. Hier ist die Entwicklungsphase von 10-16 Monaten angesprochen. Erwachsene betrachten das Kind als verlängerten Arm. Das Kind kann nicht selbständig werden.

Der Status „mangelnde Ausbildungsreife“ muss laut Winterhoff nicht als Endergebnis akzeptiert werden. Nachreifung der Jugendlichen ist möglich durch eine klare Haltung auf Seiten der Ausbilder.

Wie wird psychische Reife gefördert?
- durch Beziehung zu anderen Menschen (Eltern, Erzieher, Lehrer, Ausbilder). „Der Umgang mit Auszubildenden sollte stets sehr beziehungsorientiert sein, gerade wenn etwas im Argen zu liegen scheint“ (S. 108)
- durch Führen, Anleiten und Korrigieren auf Grundlage einer stabilen Beziehungsebene. „Chef und Ausbilder müssen als Ansprechpartner und Bezugsperson für die Azubis klar erkennbar sein und zur Verfügung stehen.“ (S. 110)
- durch Feedback zum Verhalten, Lob und Kritik auf Basis einer wertschätzenden Beziehung. „Wertschätzung bedeutet jedoch auch, den anderen wissen zu lassen, wo er steht und wie seine Arbeit eingeschätzt wird“ (S. 50)

Verstehen statt sich Aufregen
Der Jugendliche überlegt nicht morgens beim Aufstehen „Wie bringe ich heute meinen Ausbilder auf die Palme?“ „Fehlverhalten aus einem konkreten, situationsbezogenen Anlass ist meist eher die Ausnahme, während es bei psychischer Unreife immer wieder zu den gleichen Situationen und wiederkehrendem Fehlverhalten kommt“ (S. 110) Winterhoff empfiehlt deswegen, nicht mit Ärger oder Schuldzuweisungen zu reagieren, sondern dem Jugendlichen „ …mehr Orientierung und Struktur zu geben, ohne ihm sein Fehlverhalten durchgehen zu lassen.“ (S. 111)

Das Buch von Michael Winterhoff und Isabell Thielen liefert einen wertvollen Beitrag für die aktuelle Diskussion um die mangelnde Ausbildungsreife von Jugendlichen. Verstehen wie Jugendliche ticken, sich weniger ärgern und die gewonnene Zeit in die Beziehungs- und Führungsarbeit zu stecken, so lässt sich der Rat an die Ausbilder zusammenfassen.

Michael Winterhoff
Isabel Thielen
Persönlichkeiten statt Tyrannen
Oder: Wie junge Menschen in Leben und Beruf ankommen.
Gütersloher Verlagshaus 2010, ISBN 978-3-579-06867-1

Ein "weltliches" Buch mit spanneden Einsichten. Offen bleibt die Frage, was das für die Gemeinde bedeutet im Hinblick auf Umgang und Prävention.

Zurück
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok